“Nicht Jeder Wolf Ist Böse. (Wir Sind Oft Nur Zu Faul Und Zu Feige Um Das Zu Erkennen.)”

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 „Nicht jeder Wolf ist böse. (Wir sind oft nur zu faul oder zu feige, um das zu erkennen.)“

Titel unseres letzten großen Mural. Ort: Akuts Heimatstadt Schmalkalden. Anlass: Das WALLCOME-Festival der VillaK

„Ich glaube, dass es immer auf den Einzelnen ankommt. Ein Einzelner kann viel bewegen – im positiven wie im negativen Sinn. Es geht aber immer um die Entscheidungen eines Individuums. Deswegen wünschte ich mich auch eine Gesellschaft, in der Jeder ein Recht auf seine eigenen geistigen Freiräume hat, aber logischer Weise dadurch auch für seine Gedanken und seine Handlungen die alleinige Verantwortung trägt. Zumindest ab dem Erwachsenenalter. (Als Kind sollte man beides natürlich noch üben dürfen, denn leicht ist das nicht. Einfacher ist es, nur immer zu gehorchen und niemals Schuld mittragen zu müssen.) In einer Gesellschaft von Individuen sollte sich keiner von Gruppendynamik mitreißen lassen, nur weil Widerstand anstrengt. Keiner sollte sich hinter vorgeschobenem „Gruppenzwang“ vom eigenen Tun freisprechen dürfen.
Aber genauso wenig sollte man wegen Rasterfahndung und Sippenhaft in einer Schublade enden. Generalisierung ist eben auch einfach. Immer genaues Hinzusehen strengt viel zu sehr an, nicht wahr?

Ich persönlich strenge mich gerne an – vorrangig deswegen, weil diese Mühe so oft schon positiv belohnt wurde. Und weil ich selbst das machen will, was ich auch von anderen erwarte. Habe alle Parolen gelesen, die meinen Weg durch Thüringens Straßen auf Laternenmasten säumten. Auch die Plakate von ganz weit oben am Mast wurden gewürdigt und als Dank gab es für mich menschenverachtende Inhalte verpackt in komischen Reimen. Aber an einem Bild blieb ich gedanklich hängen: ein Mann mit einem Hand voller Geldscheinen und einem Gesicht, das unten von einem schwarzem Bart und oben von einer muslimischen Gebetsmütze eingerahmt war. Dazu die plumpe, kindliche Anklage: „Die kriegen alles! Und wir?“ Seltsamer Weise habe ich mich im ersten Moment gedacht: ja, Muslime „kriegen“ im Moment wirklich „alles“, nämlich alles an Argwohn und Ablehnung und sogar Hass. Ich dachte an meine eigene ratlose Wut gegenüber dem Terror, der den Mittleren Osten seit Monaten im Namen „Islamischer Staat“ ausbluten lässt.

IS ist so seltsam unnatürlich. Es kehrt den Nutzen von Glauben um. Er kehrt die Religion des Menschen gegen den Menschen selbst. Der Glaube hört auf, dem Leben zu dienen. Er zerstört nur und zwar alle. Sogar die Glaubenskrieger selbst wollen lieber für ihre Religion sterben als für ihre Religion leben. Wie gesagt: unnatürlich. Aber das ist eben der IS-Terror. Nicht der Islam. Das müssen wir uns immer vergegenwärtigen, wenn uns muslimische Symbole begegnen.
Die Symbolik rund um das Gesicht des Mannes auf dem Wahlplakat machte mir deutlich, dass es sogar mir selbst nicht so leicht fiel, Islam und IS nicht automatisch miteinander zu assoziieren oder aus Versehen sogar emotional miteinander zu verknüpfen.

Wenn sogar ich Probleme hatte, wie anstrengend muss die gerechte, individuelle Betrachtung dann erst für Jemanden sein, der, nicht wie ich, mit einem unglaublich liebevollen und klugen muslimischen Vater aufgewachsen ist. Wenn mir der objektive Blick schwer fiel, dann kann Jemand, der vielleicht nicht einen einzigen Muslim persönlich kennt,  tatsächlich nur „alle über einen Kamm schären“ und am Ende sogar den Plakaten am Laternenmast vertrauen.

Ich hoffe aber so sehr, dass sich die meisten Menschen mehr Mühe geben. Ich hoffe, dass sie die Anstrengung nicht scheuen, genauer hinzusehen und dadurch dem Einzelnen fair zu begegnen. Wenigstens aus dem Grund heraus, dass sie selbst gerne als Individuum wahrgenommen und ernstgenommen werden wollen. Und ich hoffe so sehr, dass sie sich selbst dann nicht abschrecken lassen, wenn sie eine negative Erfahrung mit einem Einzelnen gemacht haben. Das ist dann noch anstrengender. Aber es lohnt sich dennoch. Davon bin ich überzeugt. Daher schaut unser Rotkäppchen mit ihren vielen kleinen Wolfsfreunden auf dem Rücken auch so zuversichtlich von der Fassade des Schmalkalder Wohnblocks. Sie hat in ihrem Leben – so steht es im Märchenbuch – auf jeden Fall schon eine extrem negative Erfahrung mit einem Wolf gemacht. Aber – in unserer Version – hat sie daraufhin nicht das ganze Rudel ausgerottet, sondern erkannt, dass es aus lauter individuellen Charakteren besteht, von denen der eine oder andere ein echter Freund sein kann.“

Hera, 25. September 2014


 

 

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2 Responses

  1. Yvonne
    | Reply

    *People are strange when you’re a stranger…*

    Alle anderen Gedanken dazu muss ich erst sortieren… ; )

  2. Martin Gerlmann
    | Reply

    Wie schön diese Großen Bilder sind; Ihr seid so etwas von großzügig!
    Vielen, vielen Dank und alles, alles Gute für Euch, ein erfülltes Leben,
    mehr als Ihr Euch erträumt und alles was es braucht, dem Leben seinen
    Sinn zu geben.

    Herzlichst
    -dog

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